The Duke of Burgundy

Der offene Umgang – und die damit einhergehende Auslebung – von speziellen sexuellen Vorlieben ist dieser Zeiten medial so allgegenwärtig wie vielleicht nie. 50 Shades of Grey formte nicht nur eins der erfolgreichsten Bestseller überhaupt, auch die dazugehörige Romanverfilmung ließ die Kinokassen klingeln, auch wenn der erwartete Skandalfilm ausblieb. 
The Duke of Burgundy macht sich ebenfalls den Fetisch zum Thema, nimmt ihn aber eher als Grundstein einer Beziehungsanalyse, erzeugt dabei einen Sog von Verlangen und Erwartung in einer Art Abwärtsspirale.


Die junge Frau Evelyn (Chiara D’Anna) macht sich per Rad auf den Weg zu einem groß anmutenden Anwesen, trägt die Kleidung einer Bediensteten und wirkt nervös, als sie die Klingel ertönen lässt. Die Hausherrin Cynthia (Sidse Babett Knudsen) öffnet die Tür, verweist recht harsch auf die noch zu verrichtenden Arbeiten. Die offensichtlich eingeschüchterte junge Dame lässt sich erniedrigen. Schnell werden die sich abspielenden Szenen unangenehm, wann ist die unsichtbare Grenze von Selbstachtung überschritten? Wie weit kann das Spiel von Erniedrigung und Lust getrieben werden?
Doch es ist ganz anders als es scheint, Gesehenes entpuppt sich als eingefädeltes Spiel zwischen zwei Liebenden. Gegen Ende des Tages kehrt Intimität ein, die beiden Frauen liegen Arm in Arm im gemeinsamen Bett, gestehen sich ihre Liebe.
Was anfänglich Spaß neu entfachen soll, endet schnell in einer sich immer wiederholenden Routine, mal um mal werden identische Szenen durchgespielt, immer möchte Evelyn erniedrigt werden, während ihre Partnerin scheinbar langsam immer weiter den Spaß und das Interesse an den durchaus rauen Aktivitäten verliert.
Regisseur Peter Strickland durchläuft hier einen Rollentausch im Rollenspiel.
Die im Liebesspiel durch Dominanz ausgezeichnete Cynthia gerät in Zugzwang, spielt längst nicht weiter mit aus Lust. Sie möchte einen Schritt zurücktreten, traut sich aber nicht ob der immer stärker werdenden Obsession der Partnerin, bis sie, völlig in die Ecke gedrängt, einen Schritt in die Offensive wagen muss.
Währenddessen versucht die sonst so unterwürfige Evelyn Grenzen zu verschieben; sie dürstet nach mehr, möchte neue Gerätschaften, möchte stärkere Befriedigung ihrer Gelüste und gibt außerhalb der Spielereien damit eigentlich den Ton an.

Erotik wird zur Obsession, entfacht zu einer Art Fiebertraum, nimmt die Beziehung für sich in Anspruch. Zwischenmenschlichkeiten werden zweitrangig, ob es stärker werdende Rückenschmerzen sind oder der Wunsch nach gemeinsamen Aktivitäten. Und so entsteht eine kühle Distanz, die sich im Laufe der Zeit weiter auszubreiten scheint.
Auch optisch verliert die anfangs noch spannungsgeladene Darstellung von Körpern und Sex seinen Reiz, schnürt sich immer weiter zu, bis es fast unangenehm wird. Ein schiefer Score und albtraumhafte Ausflüge in dargestellte Abgründe zwischen den Beinen einer der Frauen zeugen fast von Horror.
Dabei wachsen Verlangen und Angst bei den beiden Partnern gegenläufig immer weiter, bis der Kern der Beziehung offensichtlich nur noch lose durch die einseitigen Vorlieben zusammenhängt..
Die immer größer werdende Verzweiflung, ja auch Hilflosigkeit, bringt die Sidse Babett Knudsen wunderbar zum Ausdruck. Wenn sie streng sein soll – die Schraube weiter andrehen -, mischt sich von mal zu mal ein etwas gequälterer Ausdruck in ihren Blick – ihre Augen.
The Duke of Burgundy spielt mit Verlangen, mit Bedürfnissen und der Befriedigung solcher, zeigt auf, wie Beziehungen funktionieren und wie sie ebenso an Erwartungen zerbrechen können.

Umrahmt wird dieses beklemmende Liebesdrama durch eine Welt, in der Männer offensichtlich keine Rolle spielen. Nicht einen Einzigen bekommt man während der Laufzeit zu Gesicht. So umgeht The Duke of Burgundy die Prekarität des Themas der gleichgeschlechtlichen Liebe und charakterisiert es als weitestgehend geläufig. Ebenso die soziale Anerkennung von ausgefallenen Formen der körperlichen Liebe: Die Nachfrage sei hoch, sagt die Dame, die abstruse Gegenstände wie die „menschliche Toilette“ an die Frau bringt.
Ob die totale Absenz von Männern oder die Frage hinter der Finanzierung des geradezu extrem anmutenden Anwesens – wirkliche Berufe oder Tätigkeiten der Frauen werden bewusst ausgelassen -, die hier gegebenen Umstände sind derart abwegig, dass man sie nicht einmal hinterfragt, sich allein auf die Beziehung und die Wechselbeziehung der beiden Charaktere konzentrieren kann.

Die wiederkehrende Symbolik kann wohl vielfältig interpretiert werden, Reihe um Reihe drapierte Schmetterlinge lassen erinnern vorerst an den Butterfly-Effect, nehmen im Verlauf aber doch eine andere Bedeutung ein.
Auch wenn ein Schmetterling dem anderen noch so sehr ähnelt, so klingen ihre Flügelschläge doch alle signifikant und einzigartig, eben wie eine jede Frau für sich ein einzigartiges Wesen, mit besonderen Bedürfnissen, Träumen und Wünschen darstellt.
Wo Schmetterlinge sind, gibt es auch Motten, die ähnlich anmuten, aber Nacht und Untergrund ihr Eigen gemacht haben.
Sozusagen das Gegenstück zum schönen, vorzeigbaren Schmetterling, das quasi niemand mag, aber seine Daseinsberechtigung hat und auf eigene Art und Weise durch das Leben geht.

Schließlich ist es die Routine, die immer wiederkehrende Abfolge von selben Ritualen, die eine Beziehung hier fast entzweisprengt. Ironischerweise ist es letztendlich vielleicht aber eben jene Routine, die Beziehungen zusammenhält.
Ob Schmetterling und Motte ihr Leben auf lange Sicht gemeinsam verbringen können, scheint am Ende trotzdem fragwürdig.


Spannend durchgespieltes Drama über die Dynamik von Kontrolle und Befriedigung in Beziehungen.
Optisch ansprechend und gut gespielt.
Bewertung: 4/5 (Empfehlung)


Regisseur: Peter Strickland
Darsteller: Sidse Babett Knudsen, Monica Swinn, Chiara D’Anna
Laufzeit: 104 min
Erscheinungsdatum: 03.12.2015

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2 Gedanken zu “The Duke of Burgundy

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