Alles Steht Kopf

Pixar.
Ein Name, der mindestens in den westlichen Gefilden absolut jedem etwas sagt. Nachdem sich die Animationsfilmschmiede über Jahre einen großen Namen aufgebaut hat, ist dieser auch mal für mal Programm. Was oft leicht als Film für Kinder abgetan wird, verbirgt meist viel mehr. Meist sind es nur kleine Momente, die aber durchscheinen lassen, dass auch an den volljährigen Zuschauer gedacht wird. Wenn der Held aus OBEN in traurigen Erinnerungen schwelgt, wir im Zeitraffer die Hürden der Liebe und des Leben eines Heranwachsenden erleben, sind das Probleme, die Kinder nicht verstehen, vielleicht sogar übersehen, aber keinesfalls ihren Sehspaß mindern.
Pixarfilme erzählen meist Geschichten aus der unsrigen Welt, verdrehen doch die Perspektive und bringen uns so dazu eine gänzlich andere Sichtweise zu entwickeln. So wurden Spielzeugen Gefühle geschenkt, wir konnten die Sorgen von Fischen in den Weiten des Ozenas erleben oder Zeuge des wohl außergewöhnlichsten kleinen Kochs Frankreichs und wohl der ganzen Welt werden.
Der nächste konsequente Schritt liegt in solch einer Filmgeschichte also fast nahe und ist doch so genial:
Auch Gefühle haben Gefühle, ein komplettes Eigenleben entsteht in eines jeden Menschen Kopfes, für sich stehende Gefühle sind hier versammelt, um Konstrukt Mensch zu begleiten und über ihre Schaltzentrale zu steuern. Fünf sind es an der Zahl -Freude, Kummer, Angst, Eckel und Wut -, in hübscher Aufmachung und unterschiedlichen Farben wettstreiten diese um ihre Rolle im Leben der jungen Riley.
Besagtes Mädchen lebt glücklich in ihrem Heimatort, liebt ihre Familie, ihre Freunde, ihren Sport Eishockey und sonstige Dinge, die besonders vor der Pubertät das Leben von jungen Menschen beeinflusst. Doch das soll sich ändern.


Durch berufliche Veränderungen zieht die Familie mit Sack und Pack nach Kalifornien, San Fransisco. Hier ist alles anders, Angst schlägt regelmäßig aus und auch Wut, Eckel und Kummer dominieren die ersten Stunden nach der Ankunft im neuen Heim. Besonders letztere sorgt für mächtig Ärger, ist Schuld an der Verwandlung von freudigen zu kummervollen Erinnerungen und letztlich dafür verantwortlich, dass Rileys Persönlichkeit ins Schwanken gerät, sich Präferenzen verschieben, Freude und Kummer letztlich sogar per Unfall aus der Kommandozentrale fliegen und diese beiden Gefühle bis zur Wiederkehr nicht weiter zu erleben sind, doch der Weg ist ein weiter.

Das klingt alles furchtbar kompliziert, ist es aber nicht. Ja, die ineinandergreifenden Mechaniken in ALLES STEHT KOPF sind ausschweifend, aber durchgehend logisch und vor allem bildlich miteinander verknüpft. Der Film nimmt den Zuschauer – ob Groß oder Klein – an die Hand und führt durch die Welten in unsern Gehirnen, zeigt uns was sich verbirgt hinter Erinnerungen, dem Langzeitgedächtnis, der Persönlichkeit oder dem Unterbewusstsein. Immer wieder muss man erstaunt seinen Hut ziehen, ob der unglaublichen Imaginationskraft hinter der hier entstandenen Welt. Was dann damit angestellt wird, zeugt leider vom genauen Gegenteil.
Die Charaktere werden auf eine durchaus durchschaubare Zielgerade gelotst, währenddessen geradezu durch verschiedenste Welten der Fantasieergüsse geschoben, so dass man sich teilweise fühlt, als sei man in einem Vergnügungspark, in dem man immer kurz staunen darf, den Erbauern auf die Schulter klopfen soll, bevor diese einen zu der nächsten wunderbaren Erfindung zerren, auch wenn man doch eigentlich noch verweilen möchte, mehr sehen, ja, mehr erleben möchte.

Das Konzept der eindimensionalen Protagonisten hebelt sich für den erwachsenen Zuschauer letztlich fast selbst aus. Wirklich interessante Charaktere und Interaktionen können ob der selbst auferlegten Distriktionen schwer entstehen, Freude zeichnet sich durch ein freudiges Gemüt aus, Kummer schaut meist betrübt durch die Gegend, viel mehr passiert in dieser Hinsicht nicht, darf vielleicht sogar nicht.
Der Moment, der alle anbahnende Katastrophen ins Rollen bringt, ist vielleicht einer der ärgerlichsten. Die sonst so träge Kummer hat einen Anflug von Tatendrang und scheint nicht nur voller Kummer, dafür aber nicht besonders von Intelligenz zu strotzen, setzt sich über Verbote hinweg und begeht auch nach der zweiten offensichtlich schädlichen Handlung bereitwillig den selben Fehler erneut und erzeugt so die Katastrophe.
Das Gesamtbild, das erzeigt wird, ist aber durchaus ein stimmiges. Handlungen im Gefühlszentrum haben Auswirkungen auf das Leben der Riley und auch die letztendliche Botschaft ist ziemlich nett – auch wenn die Geschehnisse in der „Realität“ leider eher blass und uninteressant bleiben. Besonders der imaginäre Freund Bing Bong symbolisiert auf unglaublich sympathische Art das Durchleben eines gesonderten Lebensabschnittes, vielleicht auch den früher oder später notwendigen Abschluss dieser. Wirkliche Dramatik möchte trotzdem nicht aufkommen, zu wohl fühlt man sich in seiner Komfortzone des Feel Good Movies, ein paar nette Gags erzeugen ein Schmunzeln, schlussendlich bleibt die optisch wunderbare Aufbereitung des menschlichen Gehirns das einzig besondere Merkmal, ohne den der neuste Streich von Pixar eher klanglos in einer Masse von Animationsfilmen untergehen würde.

Klar, ALLES STEHT KOPF macht Spaß und ist für Kinder mit ziemlicher Sicherheit ein absoluter Hit. Nichts desto trotz nicht der große Wurf der oft angepriesen wurde, als „erwachsener“ Zuschauer verlässt man den Kinosaal nicht nur mit einem Lächeln, sondern ist vielleicht gar ein wenig betrübt, über das enorme Potential, das hier liegen gelassen wurde. In einer so fantastischen Welt, die sich selbst in eine Korsage zwängt, um eine durchaus generische Geschichte zu erzählen. Allein Sequenzen, wie die im Raum des abstrakten Denkens machen nicht nur Spaß, sondern auch Lust auf mehr, auf mehr Experimentierfreudigkeit in Sachen Geschichte und Aufbau. Vielleicht steht Pixar sich mit seiner Zielgruppe hier ein Stück selbst im Weg. Denn letztlich verpufft all die Fantasie, all die wunderbaren Ideen, weil man sie nicht vernünftig nutzt.
Denn was nutzt der tollste Spielplatz der Welt, wenn man nicht spielen darf, stattdessen staunend, aber viel zu schnell auf vorgefertigten Bahnen durch diesen geschoben wird, beinahe wie der Zug der Erinnerungen, der während des Films, vielleicht auch erst verspätet, ankommt, um uns zu sagen, dass wir Gesehenes -wenn auch in anderem Setting – schon mehr als einmal erleben durften.


Wunderbare Ideen, tolle Aussichten, letztlich aber „nur“ ein netter, aber durchaus sehenswerter neuer Wurf aus dem Hause Pixar.
Bewertung: 3,5/5 


Regisseur:  Pete Docter, Ronnie Del Carmen
Schauspieler: Amy Poehler, Bill Hader, Lewis Black
Laufzeit: 94 Minuten
Erscheinungsdatum: 01.10.2015


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