Der Marsianer

Es ist durchaus ein Privileg im Jahre 2015 das Kino zu besuchen und den neusten Streich des Künstlers hinter Klassikern wie Alien oder Blade Runner sehen zu können. Die Werke der letzten Jahre ließen jedoch zu Wünschen übrig. Promotheus konnte den Anforderungen als sich nahtlos eingliedernder Teil der Alien-Saga nicht genügen, Exodus ging gar sang- und klanglos im Einheitsbrei der Blockbuster-Sommer unter.
Jetzt steht Scott mit Der Marsianer auf der Matte, bringt eine durchaus beliebte und gehaltvolle Literaturvorlage auf die große Leinwand und sorgt für Furore. Kritiker loben durchgehend über den grünen Klee, Kinobesucher scheinen begeistert den neuen Publikumsliebling 2015 zu formen.

Mark Watney (Matt Damon) ist Teil der Marsmission „Ares-3“. Lange vor dem eigentlich geplanten Aufbruch Richtung heimatlichem Planeten Erde, bricht ein Sandsturm aus, die aufgebauten Unterkünfte – und damit die komplette Crew – stehen in Gefahr. Kurz vor dem endgültigen Entschluss, die Mission abzubrechen und via Raumkapsel in die Weiten des Weltalls zu flüchten, wird Watney getroffen und von der restlichen Besatzung abgekapselt.
Im Glauben, der getroffene Mann könne unter keinen Umständen überlebt haben, suchen die Kollegen das Weite und lassen den vermeintlich leblosen Körper auf dem fremden Planeten zurück.
Doch sie irren. Watney hat überlebt, sucht einen Weg, sein Überleben zu sichern und sucht den Weg zu seiner Millionen Kilometern entfernten Heimat.

Die Aufgabe, vor die der charismatische Astronaut gezwungenermaßen gestellt wird, scheint schier unmöglich zu lösen. In der für Menschen denkbar unmöglichsten Umgebung muss Watney nicht nur Zeit überbrücken, er sieht sich gezwungen, für neue Nahrungsquellen zu sorgen, Ackerboden zu stellen und diesen zu bewässern. „Ich schaff mir meine Welt, wie sie mir gefällt, wie ich überlebe“ ist das Motto. Dabei wird deutlich: Egal, was er auf dem Mars veranstaltet, er wird mit ziemlich großer Sicherheit als Pionier in die Geschichte eingehen.
Dabei ist die erzählte Geschichte eine durch und durch menschliche. Sie handelt von Hoffnung, Überlebenskampf, von Zusammenhalt, Freundschaft, technischem Fortschritt und dem Drang des Menschen, seinen Horizont stetig zu erweitern, oft gezwungenermaßen nach mehr zu streben. Erfreulicherweise belässt Scott es dabei. Fragen nach Gott, seiner Verantwortung, dem „erobern“ anderer gottgeschaffener Planeten und der Verantwortlichkeit hinter diesen, bleiben genauso aus, wie oft sonst so gern verwendete pathetische Umschnitte auf Familie und Freunde, die meist eher wie emotionale Erpressung wirken, als wirklich plausibel und homogen.

Dem Dilemma, einen Spielfilm allein auf den Schultern eines einzelnen Schauspielers zu tragen und die Geschichte einzig durch dessen Charakterentwicklung voranzutragen, wie es Filme wie 127 Hours, vor allem aber All is Lost über weite Strecken konsequent ausführen, entgeht Scott jedoch durch den Einbezug der irdischen NASA und den entsprechenden Verantwortlichen. Dadurch erzählt Der Marsianer oft mehr als wirklich zu zeigen. Ganze Abschnitte werden nur erwähnt, besprochen und per Zeitsprung folgend als gegeben erklärt. Teilweise fühlt sich das nach liegengelassenem Potenzial an, wenn es ungemütlich wird, schwenkt Scott die Kamera, lässt Geschehen, allerdings hinter zugezogenem Vorhang. Was dadurch entsteht ist das Gefühl von feingeschliffenem Popcorn-Kino, die Entscheidung hinter dem auflösendem Finale gerät ins Hintertreffen und lässt über weite Strecken kaum Zweifel über Weitergang und Auflösung.
Was wir auf dem Mars zu sehen bekommen, ist an Unterhaltungswert jedoch oft schwer zu überbieten – umso ärgerlicher teilweise der Sprung zurück zu irdischen Heimat; Watney tüftelt, scheitert, tüftelt weiter, sinniert dabei über seine äußerst geringen Überlebenschancen und behält dabei durchgehend einen schwarzen Humor, der gut getimt durch den Film führt und eines der überraschendsten – wohl auch besten Elemente – hinter Scotts neuem Werk sind.

Zudem ist die Regiearbeit hervorragend, in technischer Hinsicht wird hier absolute Spitzenklasse präsentiert. Marslandschaft und Weltraumszenen sehen famos aus. Die ziemlich gute und nicht aufdringlich eingesetzte dritte Dimension verleiht ein Mehr an Tiefe und optischem Augenschmaus.
Momente in denen Damon vor unendlich scheinenden Weiten leblosen Gesteins sitzt und in die Ferne schaut haben einen schönen Geschmack, machen Lust auf mehr. Mit der Marsianer soll nicht nur Scott sein Coming Back feiern, auch Damon versucht wieder aus der Versenkung zu stoßen, macht seine Sache auch durchaus gut, mehr als seine anderthalb wirklich starken Momente kann er aber nicht erschaffen. Ein namhafter Cast ergänzt den Superstar, macht seine Sache ebenfalls gut. Besonders Chiwetel Ejiofor (12 Years a Slave) besticht als Sympathisant und überaus menschliche Persönlichkeit.
Was hier noch funktioniert, wird anderweitig teils auf die Spitze getrieben. Das heutzutage so betitelte „Gutmenschentum“ wird fast bis zur Unglaubwürdigkeit ausgespielt. Das sind nicht nur riesige Versammelte Menschenmassen, die weltweit eine versuchte Rettung Watney´s bejubeln, da sind auch NASA-Vorsitzende, die weder Kosten noch Mühen scheuen, unmöglich scheinende Operationen durchzuführen. Internationale Zusammenarbeit wird durch den verlorenen Sohn der Erde fast als Selbstverständlichkeit dargestellt, bereitwillig springen im Verlauf des Dramas fremde Nationen ein und opfern jahrelange Forschungen. Für den guten Zweck versteht sich.

Die entscheidenden Szenen sind allerdings gelungen eingefangen, lassen den Puls höher schlagen, ganz entgegen der gefühlten Sicherheit, die man während der Laufzeit entwickelt hat.
Gewisse Parallelen zum thematisch letztlich doch durchaus ähnlichen Interstellar kann man durchaus erkennen, vielleicht auch einen Vergleich anstreben, egal wie verschieden die beiden Filme ihre Geschichte letztendlich auflösen. Der hier genannte wird trotz all seiner kleinen Fehler für Cineasten wahrscheinlich die bessere Wahl bleiben. Jemand, der einfach mal wieder einen gelungenen, packend in Szene gesetzten Film im Kino erleben möchte, sei Der Marsianer allemal ans Herz gelegt, für mehr reicht es allerdings nicht. Ein Film, der in einigen Jahren vermutlich wieder in die Versenkung verschwinden wird, sich in eine Reihe gelungener, aber mitnichten besonderen Filme einreiht, die popkulturelles Gut der Jetztzeit bleiben werden. Der Marsianer ist mit hoher Wahrscheinlichkeit kein Film für die Ewigkeit, und keiner, den man auch in 100 Jahren noch schaut und lacht, über die Schwierigkeiten, die die Menschheit heute noch mit Fremdartigen Planeten hat. Das möchte er aber vielleicht auch gar nicht sein.


Gelungenes Sci-Fi Drama, leider ohne Ecken und Kanten, dafür aber mit hohem Unterhaltungsfaktor und einer großen Dichte an Humor.
Gelungenes Popcorn-Kino.

Scott hat sich selbst gerettet. 

Bewertung: 4/5 (Empfehlung)


Regisseur: Ridley Scott
Schauspieler: Matt Damon, Jessica Chastain, Kristen Wiig
Laufzeit: 144 Minuten
Erscheinungstermin: 08.10.2015


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3 Gedanken zu “Der Marsianer

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