Sicario

Denis Villeneuve avanciert in den letzten Jahren zu etwas wie einem Garanten für spannende, hochwertig in Szene gesetzte Thriller. Zuletzt konnte er mit Prisoners überzeugen und sich dank der Präsenz von erstklassigen Hollywood-Stars wie Hugh Jackman und Jake Gyllenhaal auch in das Bewusstsein der breiten Masse zwängen. Wo sich das Kinojahr 2015 nun langsam wieder dem Ende neigt, steht Villeneuve pünktlich in den Startlöchern, um mit anderen Oscaranwärtern um einen Platz an der Sonne zu buhlen.
„Von Denis Villeneuve Regisseur von Prisoners“ heißt es im Trailer zu seinem neusten Streich. Pure Marketingstrategie oder schafft der Kanadier es, dem ihm hier auferlegten Status gerecht zu werden?

Schon seit Jahren wird die amerikanisch-mexikanische Grenze geprägt von ausufernden Drogenkriegen. Als ein vom Drogenkartell ausgeführter Massenmord aufgeklärt wird, stößt die FBI-Agentin Kate Macer (Emily Blunt) zu einer internationalen Einsatzgruppe, um den ausufernden Gewalttaten der mexikanischen Drogenbosse auch fernab der amerikanischen Grenzen Einhalt zu gebieten. Die Methoden der Mannschaft rund um Matt Graver (Josh Brolin) und dem mysteriösen Alejandro (Benicio Del Toro) sind jedoch alles andere als lupenrein.
Es dauert nicht lange, bis Kate sich nicht mehr sicher sein kann, wirklich „das Richtige“ zu tun.
Sie beginnt ihre neuen Kollegen und ihre ganze Operation zu hinterfragen.

Villeneuve versteht sein Handwerk, besonders in technischer Hinsicht strahlt Sicario von der ersten Minute an eine unglaubliche Potenz aus, die zeitweise in minutenlangen, fast unerträglich spannenden Sequenzen gipfelt. Die erneute Zusammenarbeit – nach besagtem Prisoners – mit dem hervorragenden Cinematographen Roger Deakins trägt Früchte. Wirklich wundervolle Momentaufnahmen und eine durchgehend superbe Cinematographie lassen das Herz vor Freude höher schlagen, wirklich herausragend ist optisch dann die Aufbereitung der Nachtszenen, die ich in der Art bisher noch nicht zu sehen bekommen habe.
Präsentiert wird der zweistündige Thriller insgesamt in einer eher kühlen, ja streckenweise fast sterilen Stilistik. Eine Entscheidung, die den Fortlauf der Geschichte durchaus untermalt, eine gewisse Anspannung aufrecht erhält
Dabei dient Blunts Kate Macer weniger als wirkliche Protagonistin, denn einem Sprungbrett in eine fremde, skrupellose Welt, in die der Zuschauer geradezu geworfen wird. Nicht selten hinkt der Zuschauer gemeinsam mit Blunt den immer einige Schritte vorausdenkenden, souveränen Graver und Alejandro hinterher.
Frei nach dem Motto “ Der Zweck heiligt die Mittel“ agieren sowohl Brolin als auch Del Toro auf eher fragwürdigen Abwegen, buhlen nicht gerade um den Preis für den sympathischsten Charakter.
Dabei entstehen bei Zuschauer und Macer unzählige Fragen, für wen arbeiten diese Männer wirklich, stehe ich auf der richtigen Seite, kann ich ihre Vorgehensweise tolerieren?

Das zentrale Thema von SIcario ist dabei – wie schon bei Prisoners – die Frage der Rechtfertigung extremer Vorgehensweisen. Inwiefern sind knallharte Handlungen vertretbar, wenn sie einem eigentlich nachvollziehbaren Motivationen und Zielen angetrieben werden?
In diesem Fall betrachten wir die Geschehnisse doch aus einer etwas distanzierten Perspektive, hinterfragen Personen und Aktionen, stehen vielleicht sogar nicht immer gänzlich hinter diesen.

Am stärksten ist der Film in seinen Momenten der Suspense. So wenn das Team das erste mal über die Grenze in Juarez eindringt. Diese Stadt wirkt schon aus der Ferne wie ein riesiges, unübersichtliches Monster, der erste Eindruck trügt nicht. Gewalt und Tod lauern an jeder Ecke, nicht sonderlich subtil, dennoch effektiv durch Leichen dargestellt, die verunstaltet von Brücken hängen, ihre leblosen Gliedmaßen in alle Himmelsrichtungen gestreckt; die örtliche Polizei leistet Geleitschutz und fährt sofort schwere Geschütze auf.
Als die Kolonne sich wieder Richtung schützendem Amerika aufmacht, spitzt sich die Situation endgültig zu. Inmitten von unzähligen Autos, ohne Schutz, den Gefahren der Gangster ausgesetzt, werden nicht nur Zuschauer, auch die sonst so harten Jungs unruhig. Wunderbar in Szene gesetzt, entfaltet sich ein Geflecht voll Paranoia und Ungewissheit. Fast hektisch werden potenzielle Kartellmitglieder in der Menge gesucht, die Kamera läuft durch die Menge, ständig auf der Suche nach Gefahr. Der wunderbare Score von Johann Johannson tut sein übriges. Der Regisseur dreht hier an der Spannungsschraube, bis die Situation dann impulsiv mit einem Knall abklingt.

Allein das Drehbuch kommt teilweise mit Schwächen daher. Der Übergang zwischen einzelnen Sequenzen wirkt streckenweise etwas sprunghaft. Ein eher lebensbejahender Abschnitt in einer Bar und seine Folgen wirken sogar etwas konstruiert und wollen sich nicht in das sonst doch stimmige Gesamtbild einfügen. Diese Szene funktioniert fernab des bisher aufgezeigten Tons, drückt ein wenig zu sehr auf die Bremse, nimmt Tempo.
Auch vergisst der Film, auf wen er sich jetzt letztendlich konzentrieren möchte. Der Fokus entfernt sich im letzten Viertel von Blunt, wird verschoben. Blunt ist plötzlich eher Neben- statt Hauptfigur.  Und so bleibt auch nach der letzten Szene ein Hauch von Zweifel, weshalb grade Kate Macer Teil dieser Operation werden sollte.

Wirklich Neues erzählt Sicario nie, erinnert streckenweise an  andere Genrevertreter wie „Zero Dark Thirty“ oder auch „The Hurt Locker“.
Unglaublich deprimierend anzusehen jedoch, wie brutal die Welt funktionieren kann, wie wenig der einzelne Mensch wert ist, wie verzichtbar Zivilisten sind. Sicario zeigt uns eine kühle, ja beängstigende Realität, die ihren ganz eigenen Horror versprüht.
Wer genau nach dem sucht, was die Verpackung verspricht, wird erstklassig unterhalten werden. Auch wenn die Handlung an der ein oder anderen Stelle ins stolpern gerät, bringt Villeneuve den Wagen mit seiner messerscharfen Inszenierung, der wunderbaren Kameraarbeit und exzellenten Score wieder ins Rollen. Auch die Schauspieler leisten sich allesamt keinen Fehler, spielen sich streckenweise gegenseitig an die Wand und bieten ihre besten Performances seit Jahren. Allen voran Benicio del Toro war wohl noch nie so cool.


„Handwerklich nahezu perfekt ausgeführter Thriller, der ohne viel Action, dafür aber einer Menge Spannung daherkommt. Alle Beteiligten arbeiten auf höchstem Niveau und lassen so kleinere Schwächen im Drehbuch vergessen.“
Bewertung: 4/5 (Empfehlung)


Regisseur: Denis Villeneuve
Schauspieler: Emily Blunt, Josh Brolin, Benicio del Toro
Laufzeit: 121 Minuten
Erscheinungstermin: 01.10.2015

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6 Gedanken zu “Sicario

  1. Jupp, dem meisten kann ich mich anschließen. Außer das Macer abgesehen von den ersten 10 Minuten nie die Hauptfigur war. Das ist ja das tolle an dem Film. Gaukelt genau das Gegenteil davon durch die Machart vor, und am Ende merkt man es mit aller Härte.

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