Höhere Gewalt

Eine junge schwedische Familie entscheidet sich, einen gemeinsamen Skiurlaub zu verbringen, um die Familie wieder näher zusammen zu bringen, nachdem der Familienvater Tomas kürzlich unter der Arbeitslast zu leiden scheint. Anfangs läuft alles nach Plan, es werden Fotos für die Ewigkeit geschossen, bevor die gemeinschaftliche Abfahrt bevorsteht. 
Zu Mittag werden die Beteiligten dann Zeuge eines Naturspektakels. Eine eigentlich kontrollierte Lawinensprengung scheint ungeplanten Weg einzuschlagen, rollt bedrohlich auf die Terrasse und die kleine Familie zu. Panik bricht aus. Doch statt seine Kinder inklusive Frau in Sicherheit zu bringen, greift das Oberhaupt der Familie kurzerhand zum Mobiltelefon und entflieht der Szenerie. Eine Entscheidung, die Folgen mit sich bringt. 

Das Gefüge innerhalb der Familie scheint anfangs intakt. Friedlich liegen die Kleinen Harry und Vera zwischen ihren Eltern im Bett und faulenzen noch trunken vom Schlaf im Bett. Einzig das Handy von Tomas scheint die friedliche Stille zu stören. Wie die perfekte Bilderbuchfamilie drapiert, werden die Urlauber wenig später in voller Skimontur von einem professionellem Fotografen festgehalten. Alle lächeln zu besonders inszenierten Posen.
Wenn Ebba sich die Bilder am Ende des ersten Tages anschaut, verharrt ihr Blick am längsten auf einer Aufnahme, auf der ausschließlich Sie und ihr Mann zu sehen sind. Ihr Mund verformt sich zu einem Lächeln. Sie scheint glücklich mit Ihrem Mann, einem Mann der ihr zur Seite steht.

Die die Idylle ist nicht von langer Dauer. Am nächsten Tag geschieht es: Als die scheinbar außer Kontrolle geratene Lawine unaufhaltsam auf die Familie und den Zuschauer zuwaltzt, gerät ein Stein ins Rollen. Tomas entscheidet sich das Weite zu suchen. Lässt seine Familie der Gefahr frei ausgesetzt und kehrt erst Minuten später wieder an den Tisch zurück. Kleinlaut, ohne ein Wort zu sagen, setzt er sich gemeinsam mit seiner Familie an ihren Tisch und beendet das Mittagessen.
Was folgt ist der Bruch des Vertrauens, das Bröseln des Familienbildes. Aus evolutionären Gründen repräsentiert der Mann (nicht immer) das physisch stärkere Geschlecht, ist der Beschützer der Familie. Schon seit Jahrzehnten heißt es deshalb „Frauen und Kinder zuerst“, wenn es zu einem Notfall kommt. Tomas bricht mit diesem unausgesprochenem Gesetz, zieht sein Smartphone eines seiner Kinder vor. Das Thema schwebt im Raum, kommt aber nicht zur Sprache. Es wird zerschwiegen, während sich unterschwellig eine äußerst unangenehme Stimmung aufbaut. Das sonst so eingespielte Ehepaar kommt ins Straucheln. Eine Stimmung, die sich auch optisch niederschlägt. In langen Einstellungen wirkt die Umgebung – wie auch die Familie – entfremdet. Während einer Fahrt auf einem Skilift per Laufband sehen wir die Familie Richtung Piste durch einen Tunnel fahren, niemand spricht ein Wort, die Blicke bleiben relativ starr nach vorne gerichtet. Einzig ein sich immer wiederholendes Quietschen bricht mit der Stille.
Eine andere Szene zeigt Ebba und Tomas sogar recht deutlich als Gegenspieler. Während eines gemütlichen Dinners mit Freunden ist der entflohene Mann im Zentrum des Bildes zu stehen, erzählt freudig eine Geschichte, während seine Ehefrau nur halbwegs sichtbar neben ihm steht. Als sie das Wort ergreift, nimmt sie endlich auf ihrem Sitz platz, sitzt ihrem Mann gegenüber, nimmt dem  Zuschauer den Blick auf Tomas, spielt ihn so aus, exkludiert ihn aus der Szenerie.
Ein klarer Bruch in dem gegenseitigen Vertrauen ist spürbar, lange Zeit stauen sich Gefühle an, denen die Beiden keinen Ausdruck verleihen, bis sie dazu gar nicht mehr in der Lage sind. Immer wiederkehrenden Sprengungen erinnern schmerzlich an das unangenehme Erlebnis, bauen die Spannungen zwischen Charakteren weiter künstlich auf.

Bis die Blase platzt. Es entfaltet sich ein Gedankenspiel. Den Tränen nahe erzählt die verstörte Ehefrau abendlichen Gästen die unerfreuliche Erfahrung.
Die Frage, die sich nun entfaltet: Ist der Mensch in diesen Bruchteilen von Sekunden in der Lage, eine bewusste Entscheidung zu treffen? Sind es die puren Überlebensinstinkte, die zu solch einer Entscheidung führen? Und schlussendlich: Welche der beiden Varianten ist schlimmer?
Während dieser Diskussionen wird der Zuschauer ständig mit seiner eigenen Gedankenwelt konfrontiert. Wie würdest du dich in dieser Situation verhalten? Kannst man das überhaupt rational eindeutig beantworten ohne den außerordentlichen Stress des jeweiligen Moments?
Auch die Protagonisten möchten sich nicht eingestehen, was passiert ist, beziehen keine klare Stellung, obwohl die Ausgangssituation klarer nicht sein könnte. Tomas reagiert durchgehend mit Verleugnung, spricht von verschiedenen Ansichtsweisen. So sehen sich beide Parteien als das Opfer. Sie reiben sich aneinander auf, sind vielleicht doch beide geschockt, ob ihrer Verhaltensweisen.
Letztlich handelt der Film von Männern, die nicht in ihr eigentliches Rollenbild passen wollen. Das zeigt sich nicht nur anhand des Familienvaters, auch sein Freund Mats ist mit dichtem Bart und kräftiger Statur fast eine Karikatur eines Mannsbilds, ist letztlich aber einfühlsam und zahm wie ein Lamm.

Der skandinavische Film präsentiert sich zudem optisch wunderbar, nutzt Kameraeinstellungen, die sich unverbraucht und spaßig anfühlen, die Szenen sinnvoll bereichern und das Geschehen durch relativ lange Einstellungen zusätzlich intensivieren. Allein die Kulisse ist natürlich eine Wucht und entfaltet für sich eine Schönheit, die in manchen Szenen Grund genug ist für eine Sichtung. In der ein oder anderen Szene strotzt Turist voll schwarzem Humor und regt nicht nur zum Nachdenken und Mitfiebern an, sondern kann zwischenzeitlich auch mit einem kurzen Lacher auflockern.

Fazit: Empfehlung!


© Alamode Film/Filmagentinnen

© Alamode Film/Filmagentinnen

Regisseur: Ruben Östlund
Schauspieler:  Johannes Kuhnke, Lisa Loven Kongsli, Clara Wettergren
Laufzeit: 120 Minuten
Erscheinungstermin: 20.11.2014

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2 Gedanken zu “Höhere Gewalt

  1. Ja ich mochte den Film auch sehr, da so wohltuend anders war. Eigentlich schade, dass der Film es nicht auf die Shortlist bei den Oscars geschafft hat, obwohl er es mehr als verdient gehabt hätte. Besonders einnehmend empfand die beinahe Zerstörung des männlichen Egos, die hier durchexerziert wurde. Gerade heutzutage, wo der Mann seine Rolle finden muss – zunächst pfeifen das die Medien-Spatzen von allen Dächern -, ist der Film brandaktuell.

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    • Würde ihn auch blind weiterempfehlen. 🙂
      Finds eh immer sehr schade, dass Produktionen, die nicht aus englischsprachigen Ländern stammen, bei den Oscars immer als Filme zweiter Klasse gewertet werden..

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