Whiplash

Bei den diesjährigen Oscarverleihungen hat der recht unbekannte Damian Chazelle für ordentlich Furore gesorgt. In gleich fünf Kategorien war sein „Whiplash“ nominiert – darunter auch in der wohl interessantesten Kategorie „Bester Film“ – und konnte letztlich mit befriedigenden drei Preisen das Feld räumen. 
Sein nun zweiter dem Jazz gewidmeter Film basiert auf dem gleichnamigen, ebenfalls der Regie Chazelle’s unterliegenden Kurzfilms „Whiplash“,  und vermag durchaus zu begeistern.

Andrew (Miles Teller) versucht auf der besten Musik-Schule seiner Art Fuß zu fassen und die Aufmerksamkeit des wohl berühmt-berüchtigsten Lehrer der Schule zu gewinnen. Als Neuankömmling im ersten Semester ist er eigentlich dazu verdonnert, mehr zuzuschauen, denn wirklich aktiv teilzuhaben am Geschehen. Doch als Fletcher (J.K. Simmons) den ambitionierten, jungen Musiker Abends üben sieht, eröffnet sich eine Chance, die Andrew am Schopfe zu packen versucht. 

Zu einem leichten Trommelwirbel beginnt der Film zu schwarzem Bild, langsam aber sicher werden die einzelnen Schläge bestimmter, schneller, ja fast ekstatisch – ein Spiegelbild des kompletten Geschehens.
Der ambitionierte Andrew spielt am Ende eines langes Ganges das Instrument seines Herzens – das Schlagzeug – , die Kamera bewegt sich langsam auf ihn zu, kommt immer näher, bis wir den Raum schließlich gemeinsam mit Fletcher betreten. Erst wenig begeistert von den Fähigkeiten des Jünglings, bietet ihm schließlich doch die Möglichkeit sich zu beweisen.
In Trainingssession nach Trainingssession eröffnet sich die große Bühne, eine Bühne sowohl für die Musiker, die im Anflug von Perfektion die immer gleichen Takte spielen, aber auch eine Bühne, auf der sich Teller und Simmons die Stirn bieten. Den restlichen Raum förmlich erblassen lassen und unglaublich einnehmend agieren.

Die unterschiedlichen Herangehensweisen der Lehrenden wird anfangs recht schnell deutlich. Während die Musiker allesamt locker wirken, frei aufspielen, als Mr. Kramer die Kontrolle inne hat, schlägt die Stimmung schlagartig um, als Simmons das Ruder übernimmt.
Die Blicke richten sich gen Boden, einem totalitären Herrscher gleich, setzt Fletcher seine eigene Art der Führung in Gang. Nicht Zuckerbrot und Peitsche, das Prozedere beschränkt sich auf die Peitsche. Und diese schwingt, bringt die Luft zum vibrieren. Die Anspannung im Raum ist förmlich zu spüren, mit einem der psychologischen Kriegsführung gleichkommendem Nachdruck lässt er keine Fehler zu. Ja wirkt fast wie Ceasar, der den Daumen gefällig nach oben oder unten zeigen lässt, Träume zerstören, aber auch in neue Dimensionen hiefen kann. Sein Verhalten ist meist undurchschaubar, wenn der Perfektionist Andrew scheinbar interessiert nach seinen familiären Hintergründen fragt, ist dies vorerst freundlich aufzufassen, doch wird zum Spielball der Erniedrigung. Er spielt Schüler gegeneinander aus, prüft sie ob ihrer Zerbrechlichkeit, will sie so stählen. Frei nach dem Motto: „What doesn’t kill you makes you stronger.“
Ein kurzzeitiger Einblick in die Gedankenwelt hinter der Methodik gegen Ende des Films tut dann gut, schafft fast Verständnis  für den besessenen Treiber hinter der Band.

Fletcher eröffnet seinem jüngsten Schüler so eine große Chance, die Aussicht gesehen zu werden, zieht ihn gleichzeitig in seinen Bann. Fast manisch versucht der junge Mann den schier unendlich scheinenden Ansprüchen zu genügen. Er wird vor versammelter Mannschaft gedemütigt, angeschrien, ja wird sogar zur Zielscheibe von Wurfgeschossen. Und doch reiht sich Training an Training, der Drummer probt, bis ihm die Hände bluten. Geht sogar noch einen Schritt weiter, ohne Rücksicht auf sich oder seine Umgebung zu nehmen. Wie oft stilistisch wunderbar eingefangen ist das Schlagzeug das Objekt seiner Begierde, steht im Mittelpunkt von allem. Freunde hat Andrew nicht, die würden ihn eh nur von den wichtigen Dingen des Lebens – dem Schlagzeugen – ablenken. Doch während er anfangs noch regelmäßig mit seinem Vater das Kino aufsucht und zumindest versucht, seine Welt mit dem netten Mädchen Nicole (Melissa Benoist) zu teilen, zentriert er Gedanken und Leben weiter auf das eine Zentrum seines Verlangen. Leidenschaft wird dabei immer mehr Obsession, ob während der Busfahrt oder Zuhause, überall sind Noten. Platz für Mittelmäßigkeit gibt es in dieser Welt dabei nicht. In musikalischer Hinsicht gibt es zwei Optionen: Abliefern oder versagen.
Wenn Andrew sich in Form seiner Familie mit einer Welt abseits der Musik auseinandersetzen muss, gerät er in die Abwehrhaltung. Geradezu plakativ werden die Footballspieler der Familie beklatscht und bejubelt, auch wenn sie nur in der dritten Liga spielen, während der Drummer mit dem wohl größten Talent unter den Tisch gekehrt wird. Dies zeichnet einerseits eine Welt, in der, der am lautesten schreit, auch die größte Aufmerksamkeit bekommt, kommentiert andererseits auch leicht Chazelle’s Hang eben Selbiges Vergehen in umgekehrter Weise zu nutzen. Als ehemaliger Jazzmusiker hebt er ausgerechnet sein Genre der Wahl über alles. (Inklusive kleinem Seitenhieb: „Wer kein Talent hat, sollte Rockmusik machen.“)

Allgemein eröffnet sich in „Whiplash“ eine Welt der Extreme. Einzelne Charaktere werden hier eher Symbole ihrer selbst, als glaubhafte Menschen. Simmons mimt den Perfektionisten, der nichts als Musik und ihre sauberste Ausführung im Kopf hat. Privates oder wie dieser Mensch zu dem geworden ist, was er heute ist, erleben wir kaum, sehen ihn nur als den stetigen Antreiber. Als er dann doch einen alten Freund trifft – mit dessen kleiner Tochter im Schlepptau – stellt sich ihm hier nur die eine große Frage: Welches Instrument spielst du? Würdest du später gerne in meiner Band spielen?
Würde sie das? Ich weiß es nicht.
Doch auch Andrew und seine Bekanntschaft Nicole stehen demonstrativ für zwei Gegensätze. Zielstrebig-Träume im Kopf- gegen orientierungslos und „vor-sich-hinleb“. An sich fallen weibliche Rollen auffallend schwach aus. Nicole wird mehr oder minder als „nicht tragbare“ Person gezeichnet, Andrew’s Mutter ist einst vor der Verantwortung geflohen und die wenigen weiblichen Musiker werden von dem überdimensional wirkendem Simmons als „süßes Etwas“ degradiert.

Als ein Mensch, der nie ausufernde Erfahrungen im musikalischen Schaffen erlebt, verbindet man Musik mit Leidenschaft und Freude. Von Spaß ist während dieses Spiels allerdings herzlich wenig zu erkennen. Mehr und mehr wird es scheinbar zum Selbstzweck dem diabolischen Tyrannen zu entsprechen. Die ultimative Prüfung zu bestehen. Fehler werden nicht geduldet und das auch nicht beim ersten Mal.
Gegen Ende kriegt dann auch Fletcher ein „Let’s have fun, boys“ über die Lippen, ob das doch ein ernst gemeinter Ausruf ist weiß nur Fletcher selbst, das nun Folgende wirft jedoch Zweifel auf.
Dabei stellt sich im Laufe des Films die Frage, ob ein Lehrer mit seinen fragwürdigen Methoden auch zu weit gehen kann. Talent zerstören und vielleicht sogar noch viel schwerwiegenderes Übel anrichten kann. Flechters Figur hat hierzu eine sehr eindeutige Meinung, der Film hat es nicht vollends, Erfolg wird hier mit Blut geschrieben.

Das Geschehen ist dabei so unglaublich packend in Szene gesetzt, dass der Zuschauer zwischenzeitlich verkrampft auf seinem Kinosessel hin- und herrutscht. Schnelle Schnitte zeigen qualvolle Ausdrücke in den Blicken der Beteiligten. Simmons wirkt unglaublich einschüchternd, schafft es nicht nur seine Schüler in den Bann zu ziehen, sondern auch den Zuschauern teilweise den Atem zu rauben. Völlig zurecht mit dem Preis für die beste Schauspielleistung ausgezeichnet, schafft Teller es trotzdem ihm spielerisch die Stirn zu bieten, wo sein Charakter während des Films nur salutiert.
Die vielleicht stärkste Szene eröffnet sich, als drei verschiedene Drummer um die Gunst des Tyrannen buhlen. Alle versagen, mal um mal, müssen sich wüsten Beschimpfungen ausliefern, bis der richtige Ton getroffen wird. Die Ekstase steigert sich höher und höher, doch auch der Chef fordert mehr, immer mehr, bis man fast glaubt einer baldigen Ohnmacht entgegenzublicken. Solche Szenen sind es, die diesen Film so wunderbar machen.
Der große Knall in Form des Finales kann man kritisch betrachten, erzählt die dem Aufbau entsprechenden Geschichte jedoch recht konsequent zu Ende.

Die letztendliche Aussage und Darstellung der Musik ist vielleicht fragwürdig, zeigt aber letztlich – in vollkommen überspitzter Form – nur eines:
Es ist noch kein Meister von Himmel gefallen.


Unglaublich einnehmendes Stück Film. Raubt regelmäßig den Atem, lässt den Zuschauer verkrampft in seinen Sessel versinken.
Bewertung: 4,5/5


© Sony Pictures Releasing GmbH

© Sony Pictures Releasing GmbH

Regisseur: Damien Chazelle

Schauspieler:  Miles Teller, J.K. Simmons, Melissa Benoist
Laufzeit: 107 Min
Erscheinungsdatum: 19.02.2015

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6 Gedanken zu “Whiplash

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