Still Alice

Nachdem Schweiger’s Beitrag „Honig im Kopf“ zum Thema Demenz und Alzheimer die Kinokassen vor einiger Zeit nur so klingeln ließ, läuft mit „Still Alice“ nun ein Film mit gleichem Thema an. Doch schon anhand des Trailers ist auszumachen, dass die beiden Filme bis auf die Grundthematik wohl recht wenig verbinden würde. Hier wird ein härterer Ton eingeschlagen, die Dramatik einer solchen Krankheit stärker ausgearbeitet und das weitestgehend ohne zeitgleich auch die Lachmuskeln in Anspruch zu nehmen.
Getragen von einer Oscar-Auszeichnung für Julianne Moore stellen sich so recht hohe Erwartungen ein und zeitgleich die Frage, wie „Still Alice“ es schafft das doch recht empfindliche Thema Demenz darzustellen.

Alice Howland (Julianne Moore) führt ein glückliches Leben. Sie ist eine angesehene Linguistik-Professorin, führt eine glückliche Ehe mit ihrem ebenfalls erfolgreichem Ehemann (Alec Baldwin) und ist Mutter von drei mittlerweile erwachsenen Kindern.
Doch dann kommt die Horror-Diagnose: Sie leidet an einer speziellen Form von Alzheimer. Was nun folgt ist der verzweifelte Kampf gegen das Vergessen. Alice’s Versuch ihre Identität zu wahren.

„Ich wünschte ich hätte Krebs.“

Sätze wie diesen hört man selten in FIlmen. Wohl eher überhaupt nicht. Und doch spiegelt allein diese Aussage die volle Dramatik der dargestellten Situation wieder. Es ist vielleicht die größte Angst des Menschen seine Vergangenheit zu vergessen. Schöne Zeiten, dramatische Erlebnisse, alles scheint zu verblassen und hinterlässt eine leere Hülle. Raubt der Persönlichkeit den Zauber, der ihn letztens ausmacht.

Dabei fängt alles recht harmlos an.
Während einer Rede fehlen Alice die Worte, verwirrt schaut sie in die Zuhörerschaft, ringt förmlich um die verlorenen Buchstaben und schafft es letztlich der unangenehmen Situation zu entfliehen und den Gedanken zu umschreiben. Ein Zustand, den wohl jeder von uns schon am eigenem Leibe erfahren hat. Normalerweise nicht der Rede wert und erst recht kein Anlass, sich ernsthaft Gedanken über seinen Gesundheitszustand zu machen.
Doch genau das ist die anfängliche Stärke des Films. Die Dramatik kündigt sich nicht mit dem Holzhammer an, sondern ist ein schleichender Prozess. Oft unausgesprochen lassen sich die Ängste nur aus Julianne Moore’s Spiel erahnen oder werden stilistisch von der Kamera eingefangen. So als Alice ihren regelmäßigen Lauf über den Campus absolviert. Plötzlich verschwimmt alles um sie herum, die Kamera dreht sich in einer unendlich erscheinenden Bewegung um sie und lässt sämtliche Orientierung unmöglich erscheinen.

Der vielleicht stärkste Teil des Gesehenen entfaltet nun seine grausame Wahrheit. Langsam misstrauisch, macht sich Alice auf den Weg, um einen Neurologen aufzusuchen. Lange Zeit bleibt dieser hinter der Kamera verborgen, während langen Patientengesprächen bleibt die Linse stets auf Frau Moore gerichtet und gibt ihr so die Möglichkeit ihr ganzes Können zu entfalten. Und das tut sie. Teilweise treibt ihr Schauspiel die Tränen in die Augen und gleichzeitig Gänsehaut über den Körper. Und ist derart einnehmend, dass der teilweise hochkarätig besetzte restliche Cast fast blass wirkt. In ihren Augen lässt sich die Angst ablesen, langsam zu einer menschlichen Hülle zu verkommen, die Wut ob der aktuellen Situation. Und mit fortwährender Laufzeit mischt sich mehr und mehr eine Orientierungslosigkeit in ihren Blick, die manchmal doch am meisten schmerzt. Viele dieser Momente verlaufen glücklicherweise eher subtil, wirken nicht erzwungen oder mit der großen Emotionskeule herbeigerufen.
Doch auch Augenblicke des großen Paukenschlags gibt es zu sehen: Wenn Alice ihren Mann mitten in der Nacht aufweckt und ihm von ihrer Angst erzählt kocht sie über. Wird aufbrausend, als John rein wissenschaftlich argumentiert und von ihren Ängsten rein gar nichts hören möchte, und sackt schlussendlich doch verletzt und ängstlich in sich zusammen. Wie sie selbst zusammenfasst, wird ihr als begeisterte Linguistin alles genommen, wofür sie ihr Leben lang gearbeitet hat.
Alzheimer kennt keine Grenzen, kein Alter und keine Bildungsniveaus. Diese Krankheit kann jeden treffen und hinterlässt wohl immer die erschreckende Weite der Leere.

Die wohl größte Grausamkeit entfaltet sich wohl, als die entgültige Diagnose gestellt wird.
Alice ist erkrankt, doch nicht nur das. Es handelt sich um erblich bedingte Symptome und so sieht sie sich nicht nur mit der eigenen Erkrankung konfrontiert, sondern muss folgend auch mit dem Gedanken spielen, ihren Kindern eventuell das gleiche Schicksal angehangen zu haben.
Dabei bleibt der Film meist zurückhaltend optimistisch, beschönigt nichts, wo es nichts zu beschönigen gibt, sondern zeichnet ein ernstes und teilweise erschreckendes Krankheitsbild.
Das Gefühl einer Aussichtslosigkeit stellt sich ein. Die veränderte Wahrnehmung anderer Menschen wird porträtiert, bis Alice immer weiter aus dem inneren Kreis der Familie zu rutschen scheint. Sie scheint mehr Sorgefall, als fester Bestandteil deren Lebens. Wird mehr und mehr Gesprächsthema, denn Gesprächspartner und wird so schlussendlich entmündigt. Fast wie eine Rückentwicklung fühlt es sich an als eingefangen wird, wie Alice verkrampft versucht, sich selbst die Schuhe zu binden und kläglich scheitert.

Letztlich taucht auch die Frage auf, wie mit solch gearteten Fällen umgegangen wird. So bekommen wir sequenzartig Menschen in einem Heim zu Gesicht. Vollständig konsterniert in die Leere starrend und dazu verdammt, bloß auf ihren Stühlen sitzen zu bleiben.
In Folge dessen kommt beim Zuschauer spätestens jetzt die Frage auf, wie man wohl selbst als Betroffener mit solch einer Situation umgehen würde. Ob man es wirklich übers Herz bringt, seine Geliebten in eine stationäre Anstalt zu übermitteln und ihnen so den letzten Bezug zu ihrer alten Welt zu nehmen.
Und doch macht es auf die Krankheit aufmerksam. Zeigt Betroffenen vor allem eins: Man ist nicht alleine mit solchen Problemen.

Lebensbejahende Momente beschränken sich dabei auf Erinnerungen, die im vergilbtem Videoformat über die Leinwand flimmern. Für die meisten von uns doch eher gewöhnliche Momente des Lebens: Ein Spaziergang mit den Liebsten, ein Blick auf das offene Meer. Und schlussendlich sind es doch diese Momente die uns definieren, die das Leben ausmachen. Eine Aneinanderreihung voller für sich genommen vielleicht eher unwichtiger Momentaufnahmen.
Stellt sich am Ende die eine entscheidene Frage: Wenn selbst diese Momentaufnahmen verblassen, ist Alice dann Still Alice?


„Porträtiert ein erschreckend präzises Krankheitsbild des Alzheimers. Wird dabei wenig ermutigend, sondern bleibt eisenhart in der Darstellung des beschämenden Krankheitsbildes. Ein FIlm der im Gedächtnis bleibt.“

Bewertung: 4/5


© Polyband/24 Bilder

© Polyband/24 Bilder

Regisseur:  Richard Glatzer, Wash Westmoreland

Schauspieler: Julianne Moore, Alec Baldwin, Kristen Stewart
Laufzeit: 101 min
Erscheinungsdatum: 05.03.2015

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