Boyhood

Es kommt selten vor, dass Filme heute gänzlich andersartig sind. In einer langen Filmgeschichte scheinen wir schon alles gesehen zu haben, der allgemeine Aufbau funktioniert meist auf die gleiche Art und Weise. Boyhood baut seine Geschichte jedoch auf einem Alleinstellungsmerkmal auf. Das Besondere: Boyhood wird über 12 Jahre erzählt, anders als in herkömmlichen Coming of Age Geschichten altern die Schauspieler mit. Die Geschichte wurde sozusagen in Echtzeit abgedreht, in kleinen Abschnitten sehen wir wie ein Junge vom kleinen Racker zu einem selbstständigen jungen Mann heranwächst.
Dementsprechend groß war das Echo das erzeugt wurde. Die Medien berichteten geschlossen von einem unglaublichem Seherlebnis, einem Zauber der sich über die Laufzeit entwickelt, so dass man gegen Ende das Gefühl hat einen echten Menschen auf dem Weg zur Selbstständigkeit begleitet zu haben. Vorab, diese Begeisterung kann ich leider nicht teilen, der Funke wollte nicht recht überspringen. 

Hauptfigur der Geschichte ist der kleine Mason (Ellar Coltrane), er lebt zusammen mit seiner Schwester Samantha (Lorelei Linklater) und seiner Mutter (Patricia Arquette). Wir verfolgen wie er Probleme und Entdeckungen des Heranwachsens erlebt, mit neuen Familienumständen umgehen muss und zweigespalten zwischen seiner Mutter und seinem Vater groß wird. Im Endeffekt lässt sich die Geschichte auf diese minimale Beschreibung runterbrechen, was dann passiert sind Irrungen und Wirrungen, die das Leben darstellen sollen wie es eben ist

Soll ist das Stichwort. Ich hatte etliche Probleme, die mich aus dem Sog der Veränderung gezogen haben.
Allen voran hinterlassen sämtliche Charaktere einen unsympathischen ersten Eindruck. Die Schwester ist eine unerträgliche Zicke, der Vater wirkt vorerst wie ein unverantwortlicher Egomane, während die Mutter des Hauses verzweifelt auf der Suche nach Liebe und der schützenden Hand eines Mannes ist.
Zudem beschäftigt sich ein großer Teil des Filmes mit den Erlebnissen der beiden Kinder im Alter von 8-14 Jahren. Oft sind Kinderschauspieler eher ein Problem in Filmen, ihnen fehlt die Erfahrung die Last eines Filmes auf ihren Schultern zu tragen. Und ganz klar: Das müssen sie in diesem Alter auch gar nicht können. Das Dilemma in diesem Fall ist jedoch, dass der Dreh- und Angelpunkt die Authentizität darstellt. Wir als Zuschauer sollen das Gefühl haben den Jungen auf seiner Reise in die Welt der Erwachsenen zu begleiten. Die Welt bis dahin einmal mehr durch die Augen eines Kindes sehen, verstehen mit welchen Problemen und auch Fantastiken wir uns alle einmal als Kinder auseinandergesetzt haben. Hier liegt eine Geschichte zugrunde die jeder nachvollziehen kann, bei der jeder mitfühlen kann, weil es einzig und allein um eins geht: Das Leben an sich.
Doch allzu oft lässt einen das Spiel der Kleinen meist schlagartig daran erinnern, hier nur einen Film zu sehen, nicht die Truman-Show, wo wir wahrhaftig erleben wie ein Mensch sich entwickelt.

Dieser anfängliche Riss im Konzept lässt den Blick auf die nächste Ebene fallen. Das Gesehene versucht über die Laufzeit einen Mittelweg zu finden zwischen einer dramatischen Geschichte und Glaubhaftigkeit. Dabei erreicht er beides zum Teil, jedoch keins von beidem so richtig. Die Dramatik beschränkt sich dabei auf brutale Stiefväter oder Benachteiligungen gegenüber der Schwester. Die einzelnen Sequenzen sind dabei natürlich vorstellbar in einem „normalen“ Leben, aneinandergereiht stellte sich jedoch schnell das Gefühl ein, jegliche Szenen wollten schlicht ein bestimmtes Gefühl provozieren. Und das zwanghaft.
So erleben wir nach und nach immer mehr Versatzstücke Mason’s Leben. Fast alle sollen eine eindeutige, separierte Nachricht an den Zuschauer aussenden, sollen Gefühle oder Gedanken des Kleinen darstellen. Jedoch nur des Momentes wegen. Ein Mensch entwickelt und formt sich, durch die Umstände mit denen er groß wird. Extreme Erlebnisse verankern sich im Gedächtnis und schaffen teils nachhaltige Veränderungen an einem Menschen. In Boyhood wird selten ernsthaft auf Ereignisse Bezug genommen, die Mason nachhaltig hätten formen können. Eine Sequenz steht für sich, ohne einen direkten Einfluss auf das weitere Leben zu haben.
Viele Nebencharaktere die wir kennenlernen bleiben blass. Ihr Hintergrund ist unklar, meist sehr eindimensional charakterisiert verschwinden sie so schnell wie sie auf der Bildfläche erschienen sind. So Geschehen bei etlichen Freunden von Mason. Die sind einfach da und bald auch wieder weg. Ersetzt von neuen, anderen Freunden. Gleiches gilt für die Partner der Mutter. Meist nicht ersichtlich weshalb sich eine ernstzunehmende Beziehung entwickelt haben sollte, erfüllen diese einen Zweck: Sie erfüllen ein bestimmen Charakteristikum. So ist einer einfach der ordnungsliebende, resolute Trinker, ein anderer bleibt der disziplinierte, hart arbeitende Mann, der mal bei der Army war (und auch da schon perfekt gehandelt hat). Das ist schade und so entwickelt sich das Gefühl eine Aneinanderreihung von vielen kleinen Sequenzen zu sehen, die alle für sich genommen ein bestimmtes Gefühl entwickeln, aber ebenso für sich stehen.

Dadurch kommt nach und nach das Gefühl auf, die einzelnen Versatzstücke alle eben doch schon einmal gesehen zu haben. jeweils in einem eigenständigen Film, zu Ende erzählt und gedacht, feiner charakterisiert und dadurch letztendlich sogar näher am Leben als es Boyhood selbst ist.
Am besten ist der Storystrang rund um den Vater und seine Versuche echte Bindungen zu seinen Kindern aufzunehmen. Hier stimmt die Chemie. Auch die Wandlung, die der Charakter nimmt ist nachvollziehbar. Während die Mutter scheinbar auf der Stelle stehen bleibt und nur in der Wahl ihres „Schützers“ Änderung in ihr Leben bringt, macht Ethan Hawke eine Neuerung durch. Er wird vom noch kindischen Vater mit coolem Sportauto und Gras rauchenden WG-Mitbewohner zu einem verantwortungsvollem Vater. Voller Reue für seine Fehler und nun mit einem waschechten Familienauto ausgestattet. Für mich auch die beste Darstellerleistung in diesem Film, auch wenn Patricia Arquette den Preis für die beste Nebendarstellerin mit nach Hause nehmen durfte, während Hawke leer ausging.
Die Regie des Films ist auffällig zurückhaltend, den großen Kniff einmal außen vor, wurde hier auf handwerklich gutem, aber keinesfalls ausgefallenem Niveau gearbeitet. Wohl mit dem Ziel eine geerdete Erzählung zu schaffen wurde auf große „Kinomomente“ verzichtet und sich am oft auch tristen Leben orientiert,
Letztenendes verlässt man sich zu sehr auf das Gimmick dieses Films und feiert sich in den letzten 30 Minuten des Films auch noch einmal gehörig selbst. Oft hört man Sätze wie „Oh du bist aber groß geworden“ und rückt somit ein klar den Fokus des Films zurecht.

Dabei musste ich oft dran denken, dass viele Serien auch eine natürliche Alterung durchmachen. „Six Feet Under“ beispielsweise funktioniert letztendlich recht ähnlich, ist dabei feiner charakterisiert, auserzählt und flüssiger. Allgemein gab es auffällig viele Ähnlichkeiten zwischen den beiden Geschichten. Auch hier hat ein Charakter den Wunsch Fotograf zu werden, Zweifel an der Welt sowie seiner Zukunft und findet zu guter Letzt sogar ein ähnliches Ende (nur gefühlvoller).

Als ich von Boyhood hört, hoffte ich auf eine Reise in die Fantastik der Kindheit. Ich wollte faszinierende erste Erlebnisse eines Jungen sehen, wie ein Kind einfach Kind sein darf und langsam aus dieser Rolle herauswächst.
Stattdessen wurde es ein Film von Erwachsenen, die sich vorstellen wie es ist, ein Kind zu sein. Ohne Glanz, ohne Unbeschwertheit.
Nichts desto trotz muss man allen Beteiligten Respekt zollen, ob der Idee und der zielstrebigen Umsetzung des Projekts. Das Endergebnis ist wahrlich kein schlechter Film, aber leider nicht im Ansatz was ich mir erhofft hatte.
Eine Fortsetzung wurde bereits angekündigt. Bleibt abzuwarten ob aus „Boyhood“ in 12 Jahren „Parenthood“ wird.


„Erwachsene Menschen zeigen ihre Vorstellung der Kindheit. Leider weniger faszinierend als erhofft und sehr amerikanisch, ist der Film trotz der immensen Laufzeit allein durch sein Gimmick einen Blick wert.“

Bewertung: 3/5


© Universal Pictures International Germany GmbH

© Universal Pictures International Germany GmbH

Regisseur: Richard Linklater

Schauspieler: Ellar Coltrane, Patricia Arquette, Ethan Hawke
Laufzeit:165 Minuten
Erscheinungsdatum:  05.07.2014

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3 Gedanken zu “Boyhood

  1. Also ich bin anderer Meinung, kann dich aber auch verstehen. Ich denke das Hauptproblem war deine Erwartungshaltung:

    „Als ich von Boyhood hört, hoffte ich auf eine Reise in die Fantastik der Kindheit. Ich wollte faszinierende erste Erlebnisse eines Jungen sehen, wie ein Kind einfach Kind sein darf und langsam aus dieser Rolle herauswächst.“

    Ich selbst hab‘ den Film lange vor den ganzen Nominierungen im Kino gesehen. Hab‘ zuvor sehr viel von Linklater gesehen und gedacht
    „Was soll der Scheiß jetzt. Na ja, nette Idee“.

    Die episodistische, was du als großen Nachteil liest, hatte ich als angenehme Abwechslung zur ausufernden Serien-Narration empfunden: Was Abgeschlossenes und trotzdem Soap-Charakter. Natürlich kann man dann nicht alle Charaktere gebührend ausleuchten und viel Potential bleibt dabei sicherlich auf der Strecke. Aber das innovative Konzept ist bei mir dennoch voll und ganz aufgegangen.

    Ich würde den Film auch gar nicht als großes cineastisches Meisterwerk abfeiern, aber emotional (wenn man sich darauf einlässt) kann „Boyhood“ schon gut zünden. Ich denke aber auch, dass es schwer ist, nachdem der Film allenortens gehypt wurde, unvoreingenommen und entspannt an den Film heranzutreten.

    Abgesehen davon hast du den Film schön seziert 🙂

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    • Kann mir schon vorstellen, dass der Film auch eine andere Wirkung entfalten kann.
      Wenn ich kurz drüber nachdenke ist das wohl die perfekte Art von Film, um ihn in einer Sneak zu sehen. Ohne auch nur von dem Film gehört zu haben, so dass sich nach und nach der „Aha-Effekt“ einstellt. Grade beim Gedanken werd ich fast ein wenig neidisch auf Menschen, die ihn so erleben durften. 😀
      Das Internet ist halt Segen und Fluch zugleich, denke vor einigen Jahren ohne gefühlt 1000 Filmseiten, ImdB und Rotten Tomatoes wäre das Seherlebnis auch noch ein anderes gewesen.

      Gefällt 1 Person

  2. Gaaaaaanz genau 🙂 Ich hatte zwar schon vom Ansatz gehört, aber sonst nix weiter und keiner hat ihn mir schmackhaft machen oder als grandioses Meisterwerk andrehen wollen. Dadurch war ich eher genau so positiv überrascht, wie du es geschrieben hast 😉

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