Fruitvale Station

Bei der ständigen Flut von News und schlechten Nachrichten stumpft man als Leser schnell ab. Wir vergessen das hinter jeder Schlagzeile, hinter jeder Tragödie nicht nur ein Artikel, sondern ein echter Mensch steckt. Ein Mensch mit Familie, mit Problemen und mit Träumen.
So auch bei Oscar Grant, vor einigen Jahren kam er zu schauerlichem Ruhm. In einem Missverständnis wurde auf ihn geschossen. Ryan Coogler nahm diese Geschichte als Anlass sein Regiedebut auf die Beine zu stellen und hat damit einen herzzerreißenden Film über Menschlichkeit und Missstände in den USA geschaffen.
Deutlich merkt man, wie involviert der Regisseur selbst in die Geschichte ist. Auch er ist ein Afroamerikaner, auch er ist in der entsprechenden Gegend aufgewachsen. Infolgedessen schaffte er ein überaus authentisches Werk. Doch ohne mit dem Finger auf jemanden zu zeigen, ohne die Schuld speziell einer Person zuzuschieben, aber doch auf das Problem aufmerksam zu machen. Keinem Problem das nur die Afroamerikanischen Bevölkerung anspricht, sondern die Menschlichkeit. 

Der Film beginnt mit einer Originalaufnahme der Geschehnisse. In schrecklicher Handyqualtität sehen wir eine handvoll junger Männer auf dem Boden sitzend. Vor ihnen stehen ein paar Polizisten und hindern diese am Entschwinden der aktuellen Situation. Es wirkt furchtbar hektisch, es wird geschrien, man versteht kaum ein Wort, bis scheinbar etwas passiert. Meschen bewegen sich, ebenso die Stimmen, ein kleines Gemenge entsteht. Plötzlich hört man einen Schuss. Das Bild wird schwarz. Nur noch erschrockene Rufe sind zu hören.

„Based on a true story“.

Das sind die Worte die nun für einige Sekunden auf dem Bildschrim verharren.
Und schon lernen wir Oscar Grant (Michael B. Jordan) kennen. Er lebt zusammen mit seiner Freundin (Melonie Diaz) in einer Wohnung und hat eine kleine Tochter. Sein Leben läuft alles andere als rund, er hat grade seinen Job verloren, ist seiner Freundin fremdgegangen und hat sich in der Vergangenheit immer wieder mit illegalen Machenschaften in Schwierigkeiten gebracht.
Doch er versucht sich zu ändern, möchte da sein für seine Liebsten und für sie sorgen. Er ist kein schlechter Mensch, hat ein inniges Verhältnis zu seiner Tochter, kümmert sich um seine Mutter und ist auch sonst ein eher freundlicher Mensch.

Wie so oft muss man sich fragen, inwiefern das Gezeigte wirklich der kompletten Wahrheit entspricht und welche Teile für den Dreh eines Films umgeschrieben wurden. Oscar wird durchgehend als ein Gutmensch dargestellt. Die Szenen, die er mit seiner Tochter teilt sind herzerwärmend und auch im Umgang mit Fremden ist er stets hilfsbereit. So verhilft er einer schwangeren Frau zur Silvesternacht zum Zugang auf eine Toilette oder ruft seine Großmutter an, um einer wildfremden im Supermarkt bei der Auswahl des richtiges Fisches zu helfen. Das Oscar auch anders kann, wird nur in einigen Sequenzen vage angedeutet. Als ein Mitinsasse im Gefängnis seine Mutter beleidigt schlägt der junge Vater um, sein Blick wird schärfer und die Aggressionen sprudeln förmlich aus ihm heraus.
Insgesamt bleibt die Charakterdarstellung hier doch eher eindimensional, in diesem Fall ist das aber nicht zwingend negativ. Von vorne bis hinten ist die Geschichte auf das eine große Ereignis gegen Ende des Films aufgebaut. Wir lernen Oscar kennen, seine Schwächen und seine liebevolle Art seinen Mitmenschen gegenüber. Auch wenn er teils auf illegalen Abwegen unterwegs ist, macht er das alles für einen Grund, er versucht das Beste aus seiner Situation zu machen. Wir als Zuschauer sollen eine Bindung zu dem Mann aufbauen, sollen verstehen, dass er kein außergewöhnlicher Mensch war, sondern so wie du und ich. Und das funktioniert! Da das Ende der Geschichte von der ersten Minute an klar ist, ist es auch gar nicht die Intention eine überraschende Geschichte zu erzählen. Sie ist nur Mittel zum Zweck. Wir sollen Fühlen.

Also was macht den Film so sehenswert, wenn es nicht die spannende, wunderbar erzählte Geschichte ist?
Es sind die handwerklichen Kniffe, die das Seherlebnis intensiv machen, den Zuschauer fesseln und teilweise zu Tränen rührt.
Die Kamera findet durchgehend einen „Wackel-Stil“, was in anderen Filmen unglaublich nervt und fast nie erfolgreich eingesetzt wird, erzeugt hier das Gefühl von Intimität. Zusammen mit sehr vielen Nahaufnahmen bringt uns das die Charaktere näher und näher. Man wird fast Teil der Truppe, kann verstehen womit Oscar sich herumschlagen muss und auch wieso er aus der Haut fährt, wenn sein ehemaliger Chef ihm nicht weiter die Möglichkeit gibt, sein Geld auf anständige Art und Weise zu verdienen.
Die Präsentation wirkt fast dokumentarisch, ist Oscars eigenen Blicken nachempfunden. Auch optisch lässt der Film mit einer recht groben Körnung auf das Attribut „handgemacht“ schließen. Geht aber nie zu weit, findet einen schönen Mittelweg und lässt nicht vergessen, dass es sich um ein Drama handelt.

Authentizität ist ein weiterer großer Pluspunkt. Wie Gangmitglieder halten alle Freunde zusammen, ihre Ausdrucksweise ist einander angepasst. Sie kommen aus den abgelegeneren Teilen rund um San Francisco, wo auch die kleine Tochter schon Angst um ihren Vater hat. Angst, weil sie Waffenschüsse hört.
Der hier aufgebaute Film brilliert oder fällt mit den Schauspielleistungen, wird schlecht geschauspielert werden weder Emotionen übertragen, noch mitgefiebert.
Und das Schauspiel ist wunderbar, allen voran Michael B. Jordan, den einige vielleicht aus Chronicle kennen werden, macht seinen Job wunderbar und schafft es die Last der Tragödie auf seinen Schultern zu tragen. Doch auch die restlichen Beteiligten sind allesamt sehr gut, agieren wunderbar in den Szenen und schaffen die richtige Chemie.
Als das schreckliche Ereignis dann über den Bildschirm flimmert, jagt eine Gänsehaut die nächste. Lange Zeit war ich nicht mehr derart berührt, ob der Ungerechtigkeit, die diesem eigentlich herzensguten Mann hier widerfährt. Hier darf man auch als Mann ruhig die ein oder andere Träne verdrücken.

Schlussendlich ist Fruitvale Station ein wirklich empfehlenswertes Melodrama geworden. An der ein oder anderen Stelle ein bisschen hingebogen, ein bisschen gewollt. Aber letztendlich erfüllt der Film seinen Job und berührt bis aufs Mark. Das Erstlingswerk von Ryan Coogler macht Lust auf mehr, und zeigt schlussendlich die so menschlichen Fehler und Probleme der Gesellschaft, macht aufmerksam auf Schicksale die wir nicht einfach so hinnehmen sollten.
Symptomatisch die Reaktionen auf Filmfestspielen sowohl in den USA, als auch in Cannes, wo die Zuschauer nach der letzten Szene zuerst die letzten Tränen wegwischen, eine Sekunde innehalten und dann kollektiv aufstehen und stehende Ovationen bieten. Große Gefühle und ein dicker Kloß im Hals, als das letzte Bild erlischt und man für kurze Zeit den schwarzen Screen vor Augen hat. Ohne auch nur einen Ton.


„Handwerklich hervorragender Film, der zu Tränen berührt. Storytechnisch mehr Selbstzweck, als wirklich spannendes „Unterhaltungskino“, bringt die Inszenierung aber eine derart emotionale Nähe, dass man früher oder später berührt ist. Ob man will oder nicht.“

Bewertung: 4/5

Empfehlung


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© DCM Film Distribution GmbH

Regisseur: Ryan Coogler

Schauspieler: Michael B. Jordan, Melonie Diaz, Octavia Spencer
Laufzeit: 85 Minuten
Erscheinungsdatum: 1.05.2014

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3 Gedanken zu “Fruitvale Station

    • Ja. Ich war am Ende tatsächlich sehr gerührt (auch getroffen?). Hat jedenfalls in meinem Fall seine volle Wirkung entfaltet.
      Regisseur Ryan Coogler soll als nächstes eine Art „Rocky“-Sequel namens „Creed“ drehen. Begeistert mich vorerst eher weniger.

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