Und am Sonntag bist du tot

Die Kirche hat es momentan nicht leicht, immer weniger Interesse – besonders in den jüngeren Zielgruppen – wird der ihr zuteil. Doch nicht nur wird die Anhängerschaft kleiner, auch das Ansehen scheint nach und nach zu bröckeln. Mehr und mehr Geschichten um sexuelle Übergriffe belasten das Bild der Geistlichen. Das Drama „Und am Sonntag bist du tot“ befasst sich mit diesen Themen, zeigt Probleme auf und traut sich dabei nicht in Klischees abzudriften.
Der deutsche Titel ist dabei etwas irreführend. Im Original heißt dieser „Calvary“ und beschreibt den Ort vor Jerusalem, an dem Jesus gekreuzigt wurde.

Vater James (Brendan Gleeson) sitzt in seinem Beichtstuhl. Gegenüber sitzt ein unbekannter Mann. Wir bekommen ihn nicht zu Gesicht, hören nur seine Stimme. Eine wohl eher unangenehme Aufgabe ereilt den Geistlichen, denn der Beichtende enthüllt dunkelste Geheimnisse seiner Jugend: Ein Priester hat sich in seinen jüngsten Jahren sexuell an ihm vergangen, ihn benutzt und damit nachhaltig verstört.
Das Gespräch nimmt eine Wendung, das Opfer versucht weder gut mit der Situation umzugehen, noch die traumatischen Ereignisse auf angemessene Art und Weise zu verarbeiten. Stattdessen kündigt er seinen Mord an. Opfer des ganzen soll Vater James werden. Heute in einer Woche. An einem Sonntag. Denn wo genau ist der Punkt dabei einen bösen Priester umzubringen? Der erhoffte Schock würde ausbleiben. Es muss ein guter, ein unschuldiger Mensch sein.

Dem Priester ist zu jeder Zeit bewusst, wer ihm dort gegenüber sitzt. Nun stellt sich die Frage, ob er die Polizei aufsucht und so seine Schweigepflicht bricht oder versucht die Situation auf eine andere Art zu regeln. Er entscheidet sich gegen die Staatsgewalt, geht die restliche Woche seinen Pflichten in der Gemeinde nach. Er besucht Tag für Tag verschiedenste Personen, führt Gespräche mit ihnen, versucht ihnen zu helfen.
Getragen wird der Film von detaillierten Charakterzeichnungen, verfällt selten in Klischees und schafft es durchgehend alle Personen greifbar und glaubhaft darzustellen. Die Hauptfigur James ist so einerseits in einer klassischen christlichen Robe gekleidet, fährt andererseits aber einen schicken, schnellen Wagen und treibt sich zeitweise auch einer kleinen Kneipe des Dorfes herum.
Teils fühlte ich mich an den hervorragenden „Adams Äpfel“ erinnert, wenn auch mit weniger schwarzem Humor, nicht ganz so derbe.

Als wären das nicht schon genügend Probleme, erscheint auch noch James Tochter Fiona (Kelly Reilly) auf der Bildfläche. Sie hat versucht sich das Leben zu nehmen, aber einen Fehler begangen.Die Halsschlagader längs schneiden, nicht quer. So kommt sie mit einem blauen Auge davon und ist nun hier, um sich mit ihrem Vater zu treffen. Möchte die gemeinsame Vergangenheit aufarbeiten und Probleme aus der Welt schaffen.
Auch sonst ist der Vater vollends beschäftigt und gerät dabei an eine handvoll außergewöhnlicher Charaktere. So zum Beispiel einem atheistischen Zyniker, von Beruf Arzt, einem steinreichen Bänker, der den Lebenssinn aus den Augen verloren hat oder eine junge Frau mit dauerwechselnden Partnern. Den Personen im Film ist zwar zu jeder Zeit bewusst ist, wer der potenzielle Mörder genau ist, dem Zuschauer aber nicht. Es entwickelt sich eine Art Krimi. Station für Station beäugt man seine Gesprächspartner kritisch, ist sich nie sicher wer hinter den wilden Drohungen steckt. Die Situation in der kleinen Gemeinde wird im Laufe des Films immer hitziger, auch feindseliger. Bis zum Schluss weiß man nicht recht wer verantwortlich ist für all das Übel.
Grundlegende Diskussionen um Religion, Glauben, Nichtglauben und viele weitere Themen werden folgend in einzelnen Gesprächen abgearbeitet. Teils sehr ernste Unterhaltungen über den Tod, die Gerechtigkeit dahinter oder Liebe sind hier zu sehen. Das geht unter die Haut und regt zum Nachdenken an, immer ziemlich auf den Punkt werden dabei die Kernelemente des Konflikts nachvollziehbar dargestellt. Trotzdem verliert sich der Film nie in einer zu bedrückenden Atmosphäre. Lustige Sprüche und schwarzer Humor lockern stets zur richtigen Zeit auf.

Während allem Geschehenen scheint der Vater durchgehend souverän zu bleiben. Er verliert nie die Fassung, schafft es sein Ansehen zu wahren und den Menschen beizustehen. Fast symbolisch schreitet er tapfer den Pfad entlang, auf dem Weg zu seiner eigenen Ermordung. Doch auch er ist nur ein Mensch und scheint an einem Punkt zu zerfallen. Als ein Vater besorgt und äußerst feindselig heraneilt und seine Tochter aus des James‘ Begleitung entzieht, ihn vorwurfsvoll, ja sogar feindselig anschaut, scheint der so starke Geistliche gebrochen. Er ertränkt sich in Alkohol und gerät in eine handfeste Schlägerei.
Er ist sympathisch, nie der verkopfte, steife Geistliche, den man wohl so oft vor Augen hat. Sehr wortgewandt, lässt sich nichts gefallen und gibt Kontra wo er nur kann. War es mir sonst immer ein Rätsel, weshalb man sich für den geistlichen Weg des Lebens entscheiden sollte, konnte ich es in diesem Fall nachvollziehen. Zeitweise war es einfach nur herzerwärmend wie Gleeson als Priester Lebensweisheiten aufzeigt oder versucht Menschen bei ihrem Leid zu helfen. Anderen, Schwächeren, eine Stütze zu sein.
Das Ende findet schließlich einen wunderbaren Ton und weiß zu überzeugen. Das dort Gesehene wird definitiv noch einige Zeit im Gedächtnis bleiben.


„Setzt sich toll mit den aktuellen Problemen der Kirche auseinander, zeigt menschliche Abgründe und Liebe. Eine handvoll interessanter Charaktere – die hervorragend verkörpert werden – schaffen es dieses dialoglastige Drama mehr als sehenswert zu machen.“

Bewertung: 8/10


© Ascot Elite/24 Bilder

© Ascot Elite/24 Bilder

Regisseur:  John Michael McDonagh

Schauspieler: Brendan Gleeson, Chris O’Dowd, Kelly Reilly, Aidan Gillen
Laufzeit: 102 Minuten
Erscheinungsdatum: 23.10.2014

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