Birdman

Hype. Es gibt wohl verschiedene Arten des im Zeitalter des Internets entstandenen Massenphänomens. Oft wird – verbunden mit einem horrenden Budget – die Werbetrommel gerührt, bis die breite Masse überhaupt nicht mehr wegschauen kann. So zum Beispiel der Fall (hier in Form eines Videospiels) des Game-Blockbusters Grand Theft Auto V, Werbung lief im Fernsehen, Werbung wurde im Internet geschaltet und ganze Fassaden in den größten Metropolen der Welt wurden plakatiert. Oft rührt der Aufruhr wiederum von längst vergangenen, meist jedoch verehrten Vorgängern. 
Dann gibt es jedoch noch eine dritte Art des Hype’s: Ob bei Filmen, Videospielen oder gänzlich anderen Medien passiert es manchmal, dass ein Film lange unter dem Radar läuft und erst kurz vor Erscheinen langsam, aber sicher eine virale Lawine im Internet losbricht. Die ersten Kritiken treffen ein, die positiven Bewertungen überschlagen sich und soziale Plattformen steigern das Aufsehen immer höher. Zu letzterem gehört Birdman. Lange Zeit völlig unwissend über dessen Existenz, kamen einige Wochen, vielleicht waren es auch Monate, die ersten Lebenszeichen bei mir an. Es wurde in höchsten Tönen über den Film gesprochen. Kurzerhand sah ich mir den Trailer an und war fasziniert, ich musste diesen Film sehen. Die Oscarnominierungen – neun Stück sind es an der Zahl, damit ist Birdman mengenmäßig mit Grand Budapest Hotel der offizielle Oscarfavourit – kamen zum richtigen Zeitpunkt und schafften den letzten Schub in Richtung Aufmerksamkeit. Der Film ist definitiv besprechenswert, denn er polarisiert. Mit enormen Erwartungshaltungen ging ich also ins Kino, ob diese eingehalten werden konnten? JA! Und sogar noch mehr. 

Der Film von Regisseur Alejandro González Iñárritu handelt in seinen Grundzügen von einem ehemaligen Hollywood-Star. Riggan (Michael Keaton) schlüpfte vor etlichen Jahren in das Kostüm des titelgebenden Superhelden und verzauberte die Massen mit drei Ablegern seiner Film-Serie. Doch hier setzte er den Schlussstrich und entschied sich gegen einen neuen Nachfolger, für einen anderen Weg in der Welt des Schauspiels und der Stars. Bis heute wird ihm auf der Straße hinterhergerufen, viele Passanten kennen ihn nur als den „Birdman“ und verlangen Autogramme. Riggan ist mittlerweile in die Jahre gekommen und versucht sein Glück am Broadway, als einer seiner Schauspieler (nicht ganz zufällig) am Set verunglückt, ruft das den chaotischen Ersatz Mike (Edward Norton) auf den Plan. Dieser ist zwar geradezu ein Zuschauermagnet, aber ebenso bekannt für seine emotionalen Ausbrüche.  Diesen lässt er folgend auch während zahlreichen Vorpremieren ihren freien Lauf und scheint das Projekt Theaterstück an den Rand des Misslingens zu bringen. Doch Riggan wirft zusammen mit seinem Manager Jake (Zach Galifianakis) und den restlichen Beteiligten alles in die Waagschale und versucht sein persönliches Projekt und damit auch sein Selbstwertgefühl und am Ende vielleicht sich selbst zu retten. 

Und wer jetzt aufschreit und fragt: „Diese Story soll einen außergewöhnlichen und bahnbrechenden Film tragen?“ Dem kann ich sagen: Ja!
Dieses Filmwerk geht dabei nämlich nicht den Weg alter, bekannter Konventionen, sondern versucht eine neue, frische Art des Filmschaffens, verbunden mit altbekanntem Cineasten-Handwerk auf höchstem Niveau. Dabei lässt sich das Gesehene nie eindeutig einem Genre zuordnen. Teils schwarze Komödie, teils Drama, Schauspielkino und oft nicht weit entfernt von einem Theaterstück. Fast wirkt es wie ein Kammerspiel, aber ohne dabei zwingend immer auf ein und die selbe Location beschränkt zu sein. Der Clou dabei: Wir haben kaum feste Kameraeinstellungen, die Kamera bewegt sich spielend leicht um und mit den Schauspielern, tanzt und spielt mit ihnen und gibt ihnen die Möglichkeit zu glänzen,fängt intensive Schauspielmomente in der Totalen ein. Nicht selten wird hier ein ebenso schlauer Kniff verwendet, die Kamera bewegt sich dynamisch in einen Szenendialog und lässt einen Gesprächspartner klein in einem Spiegel erscheinen, während sich dem anderen erneut die große Bühne eröffnet.
Das Resultat des Ganzen? Zum einen haben wir kaum einen erkennbaren Schnitt (laut IMDb gibt es ganze 16 erkennbare Cuts) und der Film wirkt wie aus einem Guss, zum anderen laufen sämtliche Schauspieler zur Hochform auf und liefern die vielleicht besten Performances ihrer Laufbahn ab. Allen voran Micheal Keaton zeigt, dass mehr in ihm steckt, als der in die Jahre gekommene Alt-Batman Darsteller. Sein abwechslungsreiches Spiel von Komik, über Dramatik, bis hin zu völlig innerer Zerrissenheit und blanker Wut ist beeindruckend. Der Gemütszustand baut sich dabei über seine Laufzeit immer weiter auf, fast sinnbildlich, wie es auch schon der Anfangstitel zeigt, als nach und nach die Buchstaben zu einem Text werden und immer mehr Sinn ergeben oder die musikalische Untermalung eines jazzig angehauchten Schlagzeugs. Doch auch Edwort Norton spielt ganz groß auf, schafft es seinem Charakter greifbar zu machen und Keaton die Stirn zu bieten.

© Fox

© Fox

Als letzte atemberaubende Darstellung muss man Emma Stone erwähnen, die ein von der Ruhmessucht von ihrem Vater zerrissene Tochter spielt und es schafft ihren vollen Schmerz und Unverständnis gepaart mit Liebe zu ihrem Vater zu porträtieren. Gänsehaut überlief meinen Körper als sie ihrem Vater gebrochen erklärt, sie habe sein Verhalten satt oder gegen Ende mit Tränen in den Augen und einem Lächeln auf den Lippen Richtung Himmel schaut.
EInen großen Teil dieses Erfolgs spreche ich sowohl der Machart, als auch vor allem der Regie zu. Bis zu 15 Seiten Text mussten Schauspieler am Set am Stück spielen, ein forderndes Unterfangen, das sich letztenendes jedoch gelohnt hat.

“ You’re anything but invisible. You’re big. You’re kind of a great mess. It’s like a candle burning on both ends, but it’s beautiful. „

Edword Norton

Immer wiederkehrende surreale Sequenzen, in denen das Alter-Ego des Birdman auf der Bildfläche erscheint sind äußerst stilvoll und haben einen gewissen Coolness-Faktor. Charakterisieren die Figur des Riggan zeitgleich und zeigen wie sich eine solch prägnante Rolle im Kopf eines Schauspielers festsetzen und Druck gepaart mit unglaublichen Machtvorstellungen erschaffen kann.

Ferner sehr beeindruckend ist die sinnige Meta-Ebene zu jeder Zeit, als auch die mitschwingende aussagekräftige Kritik.
Michael Keaton spielt sich hier in den Grundzügen natürlich selbst, früher einmal berühmter Superheld, heute nur noch ein Schatten seines einstmaligen Startums. (Nettes Detail: Sowohl Riggan, als auch Keaton schlüpften jeweils 92 das letzte Mal in ihre Kostüme). Doch auch Norton ist in mancher Hinsicht eine Art Parodie seiner selbst, ihm wird nachgesagt nicht der einfachste Schauspieler am Set zu sein.
Harsche, beiläufige Kritik hagelt es an allen Ecken und Enden. Der gemeine Zuschauer wird gerügt für sein Sehverhalten und Wertschätzung falscher Künste, die momentane Kinowelt rund um Hollywood wird hinterfragt. Was ist der Preis, um erneut Aufmerksamkeit und Wertschätzung der Massen zu erlangen, muss man extreme, ja sogar gefährliche Dinge dafür tun und zahlt sich all das am Ende überhaupt aus?

Aber auch die Theaterwelt rund um den Broadway wird entlarvt, es kommt nämlich gar nicht auf die eigentliche Qualität des Stückes an, sondern letztenendes einzig und allein auf den Ausfall der Kritik einer New York Times Redakteurin. Und auch ich selbst –  vielleicht alle von uns Bloggern und Schreiberlingen sollten dies – habe mich angesprochen gefühlt, als hinterfragt wird, warum wir Kritisierende sind und nicht letztlich lieber Schaffende, wie wir uns anmaßen über Gut und Schlecht zu urteilen und Kunstwerke in Schubladen zu stecken.

Ich für meinen Teil tue es trotzdem und sage: Birdman ist das beeindruckendste, frischeste Kinoerlebnis seit langer Zeit und hat in der Liste meiner liebsten Fime einen Platz auf den oberen Plätzen ergattert.


„Birdman ist einer der ambitioniertesten und für mich besten Filme der letzten Jahre. Stark polarisierend muss man ihm allenfalls den Anspruch lassen gegen Konventionen zu arbeiten und trotzdem das Kernwerk des Film’s und des Schauspiel’s auf höchster Ebene zu fabrizieren. Gerade in Zeiten von zahlreichen Comicverfilmungen nach „Schema F“ ein Lichtblick:“

Bewertung: 10/10


BirdmanRegisseur:  Alejandro González Iñárritu

Schauspieler: Michael Keaton, Emma Stone, Zach Galifianakis, Edward Norton
Laufzeit: 119 min
Erscheinungsdatum:  29. Januar 2015

Advertisements

5 Gedanken zu “Birdman

    • Danke für’s Feedback. Freut man sich drüber, grade wenn man noch an den Anfängen steht 🙂
      Muss leider gestehen, dass Inarritu bei mir lange unterm Radar lief – namentlich kannte ich seine Filme natürlich, hab sie aber nie gesehen (das werde ich jetzt sicher ändern) – deshalb war ich umso mehr begeistert.
      Hab mir deine Kritik eben durchgelesen, insgesamt sind wir da doch sehr nah beieinander! 🙂

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s